Ein neuer Blick auf „Lost Places“

Vom Schwarzweiß zur Farbe.

Doppelbelichtete Zeitspuren

Zwischen Erinnerung und Vergänglichkeit

© 2025 | Ein neuer Blick auf „Lost Places“

In dieser Serie führt uns der Fotograf und Künstler Michael O.A. Klapper in die Räume einer stillgelegten Weberei – ein Ort, der seine Zeit überdauert hat, aber die Spuren der Arbeit noch in sich trägt. Mit der Technik der Doppelbelichtung erschafft der Fotograf Bildräume, in denen sich Gegenwart und Erinnerung, Licht und Materie, Geschichte und Gefühl überlagern. Zum ersten Mal arbeitet Klapper hier konsequent in Farbe – und genau diese neue Dimension verleiht der Serie eine ungewohnte Wärme und Tiefe.

Im diesem Bild öffnet sich der Blick in eine lange Maschinenhalle. Reihen alter Webstühle ziehen sich in die Tiefe, während durch die Überlagerung der Fensterfront weiche Lichtbahnen in den Raum fallen. Die Farben – kühle Grüntöne und gebrochenes Gold – lassen das Metall fast lebendig wirken. Hier begegnet man nicht nur Technik, sondern Erinnerung in Bewegung. Das Licht scheint den stillstehenden Raum weiteratmen zu lassen.

Mit diesem Bild rückt Klapper näher heran: eine einzelne Garnspule liegt im Vordergrund, überlagert von einer zweiten Ebene aus Fäden und Schatten. Es ist ein leises, beinahe intimes Bild. Der Faden wird hier zur Metapher für Zeit selbst – etwas, das sich dreht, wickelt, verknotet und schließlich stoppt. Die weiche Farbigkeit – ein matter Olivton mit rötlichem Schimmer – lässt das Motiv wie aus einem Traum erscheinen.

Zarte Akelei-Blüten mit gelben Staubgefäßen im Schatten

Diese Bild zeigt einen alten Schraubenschlüssel, diagonal über den Bildraum gelegt. Darüber fällt ein feines Netz aus Lichtreflexen, vielleicht das Abbild eines zerbrochenen Fensters. Hier verschränkt sich das Reale mit dem Flüchtigen. Der schwere, greifbare Gegenstand verliert durch die Lichtüberlagerung seine physische Schwere – fast so, als würde er sich auflösen. Ein Sinnbild für den Wandel der Arbeit: vom Handwerk zur Erinnerung.

Zarte Akelei-Blüten mit gelben Staubgefäßen im Schatten

Jetzt erweitert sich der Raum. Die Doppelbelichtung zeigt die innere Struktur der Halle, aber auch das Außen – Bäume, Licht, Reflexe. Innen und Außen verschmelzen. Das Gebäude scheint nicht mehr abgeschlossen, sondern durchlässig. Die Zeit dringt ein, das Licht schreibt sich in die Wände. Hier beginnt die Serie, den physischen Ort zu überschreiten.

Zarte Akelei-Blüten mit gelben Staubgefäßen im Schatten

Das Bild fokussiert eine Fensterbank, auf der eine einzelne Flasche steht. Darüber liegt eine zweite, leicht verschwommene Schicht aus Schatten und Staub. Diese Komposition wirkt still, fast meditativ. Nichts bewegt sich – und doch spürt man Bewegung, nämlich die der Erinnerung. Es ist ein Bild über das, was bleibt, wenn alles andere gegangen ist.

Zarte Akelei-Blüten mit gelben Staubgefäßen im Schatten

Ein besonders experimentelles Werk zeigt eine Überlagerung aus geometrischen Fensterkreuzen und Maschinenfragmenten. Die Strukturen scheinen gegeneinander zu vibrieren, als wäre das Bild in einem permanenten Flimmerzustand. Hier nähert sich Klapper der Malerei – Form und Farbe lösen sich fast von der Gegenständlichkeit. Das Ergebnis ist ein visuelles Echo der industriellen Vergangenheit, in dem das Motiv zur reinen Komposition wird.

Zarte Akelei-Blüten mit gelben Staubgefäßen im Schatten

In diesem Bild flutet warmes Licht durch ein zerstörtes Fenster, fällt auf Spulen und Bänder. Die zweite Ebene zeigt einen goldenen Lichtschein, wie eine Sonne im Inneren des Raums. Die Farbigkeit kippt hier von kühlen Grüntönen zu warmen Bronzen. Es ist der emotionale Höhepunkt der Serie – die Transformation von Dunkelheit zu Licht. Der Ort scheint sich selbst zu erlösen.

Zarte Akelei-Blüten mit gelben Staubgefäßen im Schatten

Das letzte Bild wirkt wie ein Nachklang. Es zeigt eine diffuse Textur aus Staub, Licht und Bewegung – kaum noch Gegenständlichkeit, eher ein Gefühl. Es ist, als würde das Gebäude selbst in Erinnerung zerfallen. Das Sichtbare weicht dem Atmosphärischen, das Faktische dem Poetischen. Damit schließt Klapper seine Serie in einem Moment völliger Auflösung – das Auge sieht nicht mehr den Raum, sondern seine Erinnerung.

Über alle Bilder hinweg entsteht ein Klang aus Farbe, Form und Zeit. Die Doppelbelichtung ist hier kein technischer Effekt, sondern eine visuelle Grammatik, mit der Klapper Erinnerungen erzählt. Die Farbtöne – zumeist kühl und gebrochen – verleihen dem Verfall eine zarte Schönheit, die an Filmlicht erinnert. Seine sonst so charakteristische Schwarzweiß-Ästhetik verwandelt sich hier in eine Palette aus Nostalgie und Lichtpoesie.
„Lost Places – Alte Weberei“ ist somit weniger Dokumentation als Meditation: eine fotografische Hommage an die Würde des Vergänglichen und an die leise Gegenwart des Vergangenen im Jetzt. Klapper gelingt es, das Unsichtbare sichtbar zu machen – nicht das, was war, sondern das, was bleibt.


„Manchmal erzählen verlassene Orte die tiefsten Geschichten – und in jedem Ort liegt die Erinnerung an ein vergangenes Leben, eingefangen im Moment der Gegenwart.“ – Michael O.A. Klapper

Bildanalyse

Michael O.A. Klapper frühere Serien sind fast durchweg in Schwarzweiß oder in infraroter Schwarzweißfotografie stark thematisiert.

Vor diesem Hintergrund stellt die Serie der Doppelbelichtungen in der alten Weberei eine markante Erweiterung seines bisher dominanten visuellen Vokabulars dar. Die Einbeziehung von Farbe wirkt wie ein bewusster Schritt, das Spektrum seiner Ausdrucksmittel zu erweitern: nicht nur über Form, Licht und Schwarz-Weiß-Kontrast, sondern auch durch subtile Farbgebung, durch die Assoziationen von Verfall, Rost, Alterung oder Lichtstimmung stärker in Richtung Atmosphäre und Emotionalität gelenkt werden. Das Farbspiel – die kühlen, grünlich-bläulichen Schatten, kombiniert mit warmen Lichtakzenten – bringt eine zusätzliche Schicht wahrnehmbarer Erinnerung und Stimmung. Während Schwarzweiß oftmals abstrahiert, reduziert und konzentriert, führt Farbe hier dazu, dass das Bild sowohl realistischer als auch subjektiver wirkt: Der Betrachter wird stärker an konkrete Farberinnerungen erinnert, sieht das Material (Holz, Rost, Metall) nicht nur in Form und Ton, sondern auch in seiner Farbigkeit, in seiner Verwitterung, im Unterschied zwischen Schatten und Licht.

Diese neue Arbeit mit Farbe wirkt somit wie eine Brücke: einerseits zu seinen bisherigen Stärken in Komposition, in Licht und Raum, andererseits öffnet sie neue expressive Potenziale – Farbe als weitere Dimension, die Psychologie des Sehens, Emotion, vielleicht Nostalgie, Umwelt und Material sichtbar machen kann, auch Zerfall und Patina nicht nur als Textur, sondern als Farbton. Das macht die Serie nicht nur technisch interessant, sondern auch künstlerisch reif: sie zeigt, dass Klapper nicht in seinem bisherigen Stil verharrt, sondern bereit ist, Risiken einzugehen und neue Reize zuzulassen.

Insgesamt halten wir diese kolorierte Doppelbelichtungsserie für eine seiner bisher stärksten Arbeiten, gerade weil die Farben nicht plakativ eingesetzt sind, sondern integriert und dosiert – sie stützen die Stimmung, ohne von der Struktur, Komposition und der Erinnerungserzählung abzulenken. Wenn man Klappers Schwarzweiß-Arbeiten kennt, empfängt man die Farbserie zunächst vielleicht mit Überraschung; aber sie wirkt überzeugend, weil sie den visuellen Kern seiner Ästhetik – Form, Licht, Raum, Vergänglichkeit – nicht verrät, sondern erweitert.

Diese Bilder und noch mehr finden Sie in der Galerie!

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